Määnzer Blut is’ kää Buttermilch …

Die Vereidigung der närrischen Rekruten in Mainz

Carl Zuckmayer beschreibt in seiner 1959 erschienenen Novelle „Die Fastnachtsbeichte“ wie am Fastnachtssamstag, einem „trübkühlen, dämmerigen Nachmittag Mitte Februar“, Adelbert de Panezza, Prinz Carneval des Jahres 1913, und seine jugendliche Prinzessin Katharina Bekker sich der jubelnden Menge auf dem offenen Balkon des Mainzer Stadttheaters „in ihrem barocken Aufputz“ zeigen. Wie in jedem Jahr werden von hier aus die „Rekruten Seiner Närrischen Majestät“ vereidigt – „die Anwärter auf Mitgliedschaft in einem der traditionellen Fastnachtsbataillone, der Prinzen- oder der Ranzengarde“.

Wem echtes Meenzer Blut in den Adern pulsiert, den kann keine Macht der Welt davon abhalten, dabei zu sein, wenn mit der Rekrutenvereidigung die fünfte Jahreszeit in ihre entscheidende Phase tritt. Am ersten Tag des närrischen Wochenendes erwartete man bis 2018 am Staatstheater den Einzug der närrischen Rekruten, die auf Prinz Carneval und Gott Jocus vereidigt werden sollen. Die heute weithin bekannte, im gesamten Rheinland wie im übrigen närrischen Deutschland einmalige Form der närrischen Rekrutenvereidigung in Mainz hat sich in den vergangenen Jahrzehnten erst langsam herausgebildet.

Für die ersten Jahrzehnte nach der 1838 erfolgten Reform der Straßenfastnacht in Mainz ist für den Abend des Fastnachtssamstags höchsten ein Fackelumzug belegt. Am Nachmittag des Montags, des späteren Rosenmontags, kam es öfters zum Einzug und zum Empfang des Prinzen Carneval, später auch der (bis 1937 von einem Mann dargestellten) Prinzessin auf dem Theaterplatz. Hier fand ein buntes Programm statt mit Gesang, Tanz und verschiedenen Späßchen. Erst am Ende des Tages wurde die Regimentsfahne der Ranzengarde öffentlich geweiht, die Gardisten humoristisch vereidigt. Dieses Zeremoniell hat in der Rekrutenvereidigung bis auf den heutigen Tag überlebt.

1884, im ersten Jahr ihres Bestehens, führte die Prinzengarde im Ablauf der närrischen Ereignisse am Fastnachtssamstag eine Neuerung ein. Am frühen Nachmittag empfing man das mit einem Boot namens Moguntia von Kostheim her kommende närrische Herrscherpaar am Rheinufer und begleitete es zum Hof- und Residenztheater. Hier erwartete das Herrscherpaar mit dem General der Prinzengarde die vom Bahnhof der Ludwigsbahn her einziehenden Rekruten, um dieselben zu vereidigen. Dieses Zeremoniell hatte – mit oder ohne Prinzenpaar und von einigen historisch bedingten kleinen Veränderungen (Einzug vom Gautor, von der anderen Rheinseite aus) abgesehen – Bestand bis zum Zweiten Weltkrieg. An der Vereidigung der Prinzengardisten nahmen verschiedentlich auch Rekruten anderer Garden teil. Die Zeremonie der Rekrutenvereidigung entwickelte schnell ein solch starkes Eigenleben, dass die Prinzengarde selbst dann daran festhielt, wenn der Mainzer Carneval-Verein sich aus unterschiedlichen Gründen genötigt sah, den Rosenmontagszug und sonstige närrische Festivitäten abzusagen.

Mit der Vereidigung der Rekruten, dem auf Prinz Carneval abgeleisteten Eid, dem Schwur unverbrüchlicher Treue zur Garde und zur Fastnacht sowie dem Abspielen bestimmter Märsche und dem Absingen eigens komponierter Hymnen persiflierte man ganz bewusst und gezielt das in Mainz als alter Festungs- und Garnisonsstadt immer wieder mit all seinen Auswüchsen zu beobachtende und zu Genüge bekannte militärische Gehabe.

Die Verkleidung der Rekruten als rheinhessische oder Odenwälder Bauern oder auch als richtige Rekruten in grauen Drillichanzügen mit dem Krätzchen auf dem Kopf war eine gern benutzte Maskerade. Man persiflierte damit die Ankunft der in weit abgelegenen oder auch ärmeren Gegenden des Großherzogtums Hessen-Darmstadt konskribierten Rekruten in der „mondänen“, „weltoffenen“ und „modernen“ Provinzhauptstadt Mainz. Mit der gewählten Maskerade stellten die Rekruten aber durchaus auch historische und zeitkritische Bezüge her. So erinnerten sie als „afrikanische Kaffer“ an den Burenkrieg oder als „Mandarine aus den Kolonialgebieten“ an die Besetzung Kiautschous durch kaiserliche Truppen.

Das Jahr 1911 hat in der Tradition der Rekrutenvereidigung einen besonderen Stellenwert. Georg Drescher, der bekannte General der Prinzengarde, vereidigte erstmals die närrischen Rekruten aller Garden. 1925 war bislang das einzige Jahr Mainzer Fastnachtsgeschichte, in welchem eine Rekrutenvereidigung im Saal un’ nit uff de’ Gass’ stattgefunden hat. Umzüge jeglicher Art durch die Stadt waren von der französischen Besatzungsmacht seinerzeit noch immer strikt untersagt. Deshalb nahm Georg Drescher in der am 13. Februar in der „Liedertafel“ auf der Großen Bleiche abgehaltenen Damensitzung der Prinzengarde die Vereidigung der Rekruten vor.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde seit 1950 zunächst wieder an die alte Tradition angeknüpft. Eine bestimmte Zahl uniformierter Gardisten übernahm für die vereinigten Rekruten die Funktion als Wachmannschaften zu Pferd wie zu Fuß und geleitete sie zum Gutenbergsplatz. Ein aus allen teilnehmenden Garden zusammengesetzter großer Spielmannszug marschierte den Rekruten voran. Die Vereidigung erfolgte durch den General der Prinzengarde vom Balkon des Stadttheaters aus.

Seit 1957 verlief die Rekrutenvereidigung nach einem nahezu unverrückbaren Schema. Auf den Jugendmaskenzug folgten die Rekruten der teilnehmenden Garden und sonstigen Korporationen, oftmals begleitet von ihren uniformierten Trommler- und Musikzügen, in einem jeweils geschlossenen Block. Nach ihrem „strammen“ Aufmarsch vor der am Staatstheater errichteten Tribüne, auf der sich viele Komitee-mitglieder präsentieren, die Generäle, Kommandeusen und Obristen verschiedener Garden sich drängeln, sowie sonstige „weltliche Würdenträger“ verschiedener Couleur sich aufhalten, leitet der General der Prinzengarde die Vereidigung mit nachfolgenden Worten ein:

General: Rekruten! Wiederum sind die Mucker und Philister, die Erbfeinde unseres Prinzen Carneval

Rekruten: geben Unmutsäußerungen von sich

General: Dies darf nie und nimmer geschehen!

Rekruten: Niemals!

General: Ich habe Euch deshalb mobilisiert, damit Ihr den Muckern und Philistern ein dreitägiges Schlachtfest liefert und dieselben wieder aus Moguntias Mauern vertreibt!

Rekruten: lebhafte Zustimmung und Bravorufe

General: Schwört mir deshalb, dass Ihr unser’n Prinz Carneval treu verteidigen wollt – zu Land, zu Wasser und in der Luft!

Rekruten: Wir schwören!

General: Schwört, dass Ihr den alten Gardeschwur nicht vergessen wollt: »Die Garde trinkt, aber sie übergibt sich nicht!« *

Rekruten: Wir schwören!

General: Schwört, das Ihr Eich nit ferscht, nit vor de’ größte’ Schoppe’, nit vor de‘ dickste Werscht!

Rekruten: Wir schwören!

General: Wiederholt mir das Feldgeschrei: Weck, Worscht un’ Woi!

Rekruten: Weck, Worscht un’ Woi!’

Genera: Wiederholt mir den Schlachtruf: Määnzer Blut is’ kää Buttermilch! **

Rekruten: Määnzer Blut is’ kää Buttermilch!

Nach dem Absingen des Schlachtgesangs »Vivat Latwerje, Hesse-Darmstädter sin mir« entlässt der General seine Truppen in ihre Feldlager, Standquartiere oder Weinwirtschaften.

Bisher fand am Tag der Rekrutenvereidigung immer auch der der traditionelle Jugendmaskenzug statt, der bedingt durch die neuen Winterferien in Rheinland-Pfalz 2019 erstmals in seiner über 60jährigen Geschichte um zwei Wochen vorverlegt wird. Die Rekrutenvereidigung findet jedoch weiterhin traditionell am Fastnachtssamstag statt.

 

* Parodie auf den dem General Cambronne, Befehlshaber von Napoleons „Alter Garde“ zugeschriebenen Satz »Die Garde stirbt und ergibt sich nicht!«, mit dem er zum Schluss der Schlacht von Waterloo ein englisches Kapitulationsangebot ablehnte.

** Dieser Schlachtruf ist die Abwandlung des Spruches »Metzgerblut is’ kää Buttermilch«, der im 19. Jahrhundert in Mainz sehr populär war.

Text: Dr. Dieter Degreif

 

 

 

Die Rekrutenvereidigung
Rekrutenvereidigung im Jahr 1953
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Rekrutenvereidigung
  • 02.03.2019
  • 14.33 Uhr
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Rekrutenvereidigung