Mainzer Fastnacht erneuert nach Urteil in Moskau Solidarität mit Düsseldorfer Wagenbauer Jacques Tilly
Verletzung religiöser Gefühle und Verbreitung von Falschnachrichten über die russischen Streitkräfte: Der Düsseldorfer Karnevalist Tilly ist von einem Moskauer Gericht zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Er war nicht anwesend.
Ein Gericht in Moskau hat den deutschen Bildhauer und Karnevalisten Jacques Tilly in Abwesenheit zu acht Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Tilly habe sich der Verletzung religiöser Gefühle und der Verbreitung von Falschnachrichten über die russischen Streitkräfte schuldig gemacht, urteilte Richter Konstantin Otschirow in dem umstrittenen Strafverfahren.
Hintergrund sind die von Tilly gebauten Karnevalswagen, die Kremlchef Wladimir Putin und den von ihm befohlenen Krieg gegen die Ukraine kritisieren.
Der Vorstandssprecher der Fastnacht eG, Markus Perabo, betont: „Das Urteil des Moskauer Gerichts kam wenig überraschend. Die Mainzer Fastnachter lassen sich davon nicht beeindrucken und werden weiterhin in Vorträgen und Motivwagen das Weltgeschehen karikieren. Die Fastnacht eG wird die Meinungsfreiheit immer in den Vordergrundstellen, dafür stehen die 41 Mitgliedsvereine.“
Dr. Boris Henkel, Sprecher des MCV-Kreativkreis, in dem die Motivwagen des Mainzer Carneval-Vereins entwickelt werden, verdeutlicht: „Es war abzusehen, dass dieses Pseudo-Gericht ein solch absurdes Urteil fällen würde, denn es stand wohl schon bereits fest, als er angeklagt wurde. Rechtsstaatlichkeit ist ein Bestandteil freiheitlicher Demokratie, die es in Russland nicht gibt. Dass dieses repressive, inhumane System einen Künstler mit Haft bedroht, weil er es durch seine Satire kritisiert, zeigt, wie kostbar es wiederum ist, in einem Land zu leben, das die Stärke besitzt, Satire zu tolerieren. Wir bekräftigen unsere Solidarität mit Jacques Tilly. Mit ihm wurden alle angeklagt und verurteilt, denen Meinungsfreiheit, Freiheit der Kunst und Freiheit der Satire ein wichtiges Anliegen ist. Einmal mehr entgegnen wir dem Machthaber im Kreml: „Wir alle sind Jacques Tilly“!“.
Für Hannsgeorg Schönig, Präsident des Mainzer Carneval-Vereins 1838 e.V., der den Bau der Motivwagen in Auftrag gibt, steht fest: „Dass künstlerische Freiheit und politische Satire derart kriminalisiert werden, macht uns betroffen – und wütend. Jacques Tillys Arbeiten stehen für das, was Satire leisten muss: den Mächtigen den Spiegel vorhalten, Missstände sichtbar machen und Haltung zeigen. Das absurde Urteil aus Russland zeigt umso deutlicher, wie notwendig Satire ist. Der Mainzer Carneval Verein 1838 e.V., der die politische Satire in Mainz seit jeher organisiert, lebt und verteidigt, steht fest an Tillys Seite. Unsere Tradition wurzelt im freien Wort, im offenen Widerspruch und im klaren Bekenntnis zur Demokratie. Das Recht darf dem Unrecht nicht weichen – und schon gar nicht dienen.“
Tilly reagiert mit bissigem Spott auf Urteil
Tilly selbst reagierte mit bissigem Spott auf die Verurteilung: „Es ist jetzt für jeden zu sehen, dass das russische Regime Angst vor Pappfiguren hat", sagte er der dpa. "Die machen sich selbst zum Narren mit diesem Urteil und sehen gar nicht, wie peinlich das eigentlich ist - wie viel Angst sie vor satirischer Kritik haben."
Die Staatsanwaltschaft hatte neun Jahre Haft beantragt. Die Staatsanwältin sagte vor Gericht, dass die Schuld Tillys durch Zeugenaussagen erwiesen sei. Sie forderte auch eine Geldstrafe von umgerechnet einigen Tausend Euro sowie ein Internet-Tätigkeitsverbot für die Zeit von vier Jahren.
Deutsche Botschaft kritisiert Urteil scharf
Die Pflichtverteidigerin des Künstlers forderte einen Freispruch aus Mangel an Beweisen. Die Verteidigung habe vergeblich versucht, über die deutsche Botschaft Kontakt mit dem Angeklagten aufzunehmen. Seine Position sei vor Gericht nicht gehört worden, sagte sie. Tilly hatte mehrfach erklärt, dass er nicht von der russischen Justiz über das Verfahren informiert worden sei. Allerdings beobachten Diplomaten der deutschen Botschaft in Moskau den Prozess mit seiner Kenntnis.
Die deutsche Botschaft in Moskau kritisierte das Urteil scharf. "Die Verurteilung von Jacques Tilly zeigt, dass Kriminalisierung und Verfolgung freier Meinungsäußerung durch die russische Regierung unvermindert weitergehen - aber jetzt auch verstärkt im Ausland. Das betrifft uns direkt“, sagte Alexander Graf Lambsdorff der Nachrichtenagentur dpa in Moskau. "Die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland verurteilt dieses absurde Schauspiel in aller Schärfe und wird weiter für freie Meinungsäußerung, Kunstfreiheit und damit auch die Freiheit der Satire eintreten.
Eine Auslieferung von Deutschland nach Russland muss Tilly nicht befürchten. Probleme kann er im Fall einer Verurteilung aber bei Reisen in Länder bekommen, die von Moskau gesuchte Straftäter an Russland ausliefern. Moskau könnte ihn etwa zur Fahndung bei Interpol ausschreiben.